AUF DIE FRAGE NACH DEM WARUM KENNT DIE FORSCHUNG NOCH KEINE WIRKLICHEN ANTWORTEN. Me, my pain and I Es ist Freitagnachmittag, der Arbeitsrechner befindet sich im Wochenendmodus. Und meine offiziell erste Amtshandlung nach Feierabend? Ich spüle eine Schmerztablette mit Ingwer-Salbeitee hinunter und lege mich ins Bett. Wohlgemerkt in ein kühles, abgedunkeltes Zimmer, unter die Gewichtsdecke und immer auf die rechte Seite. Dann wirkt das Medikament nicht nur zehnmal schneller, wenn es gut geht, denke ich, ist die Attacke in ein paar Stunden vorbei. Es geht aber nicht gut – trotz Lavendelkissen, Minzöl, Allay Lamp, kühlender Schlafmaske und heißen Fußbads. Der Schmerz breitet sich auf Stirn und Nacken aus, wandert sogar ab und an auf die andere Kopfseite. Davon wird mir schlecht. Vomex sei Dank bleibt aber wenigstens der Tee drin. Während die Meditations-App in Dauerschleife läuft und mich fast schon höhnisch auffordert, „in den Schmerz zu atmen“, zeigen am Ende des dritten Tages auch die Schmerzmedikamente nicht mehr die gewünschte Wirkung. Ich bin erschöpft. Jeder Gedanke, jede Bewegung und jedes Gespräch – egal wie lieb gemeint – ist anstrengend. Spätestens jetzt ist mir einfach nur zum Heulen. Die guten Nachrichten? Irgendwann nach Mitternacht pulsiert der Schmerz nicht mehr. Er bleibt gleich. Die Postdromalphase hat begonnen; die Gewitterwolken ziehen sich zurück. Es herrscht Ruhe – zumindest bis 6.30 Uhr, wenn Montagmorgen der Wecker klingelt. Unter der Diktatur der Migräne Zeit, sich aufzurappeln. Vielleicht geht ein leichtes Stretching, auch wenn die steifen Muskeln protestieren. Der Porridge zum Frühstück schmeckt fade, ist aber das Beste, was meinen Geschmacksrezeptoren seit fast vier Tagen kredenzt wurde. Und auch die Tasse Fenchel-Kümmel-Anis-Tee macht mich nicht munter, bringt aber den Magen, der seine Funktion während des Anfalls eingestellt hat, wieder ins Gleichgewicht. Eigentlich wünsche ich mir jetzt nichts sehnlicher als einen Termin bei meiner chronisch ausgebuchten Osteopathin, um die Verspannungen zu lösen, und Schlaf – viel davon. Stattdessen sitze ich als MigräneStehaufmännchen etwa acht Stunden am Schreibtisch, immer die nächste Deadline im Nacken. Happy Monday! Wobei Montage oder generell Arbeitstage mich nach Anfällen längst nicht mehr so auslaugen, seit ich 100 Prozent remote arbeiten kann. Ein Blick ins Migränetagebuch zeigt: längere Schlafzeiten, mehr Energie und weniger Medikamente. Soll einer noch mal sagen, WorkLife-Balance sei Bullshit. AUSHALTER, DURCHHALTER, MITMACHER Die hochoffiziellen Leitlinien zur Therapie von Migräne raten sogar ausdrücklich, einen ausbalancierten Lebensstil anzustreben, unter anderem durch Stressmanagement, Entspannungsverfahren und Strategien zur Modifikation der Lebensführung. Empfohlen werden drei Liter Wasser am Tag, Meditation und Yoga, Ausdauersport sowie das Einhalten eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Um in einer modernen Welt diese medizinischen Ratschläge umzusetzen, sind allerdings Kompromisse, problemlösendes Denken und gutes Projektmanagement nötig. So gehe ich nie ohne Hausapotheke vor die Tür – weder für einen kurzen Stadtbummel mit Freunden noch für einen Wochenendtrip und schon gar nicht auf Dienstreise. Für Letzteres gibt es mittlerweile eine eigene Checkliste mit Travel Essentials und eine gepackte Go-Bag, denn Zugreisen mit der Deutschen Bahn sind an sich schon enervierend, mit Migräne aber die reinste Tortur. Außerdem bin ich ein Fan von Daten geworden. Ein gut gepflegtes Kopfschmerztagebuch hilft nicht nur Muster zu erkennen, sondern sichert mir auch eine Mitsprache bei Behandlungsentscheidungen zu. Dabei gilt es immer offen für Neues zu sein – Therapien, alternative Methoden und allerhand Experimente in Sachen Lifestyle. Klar heißt das auch, sich öfter in Verzicht zu üben. Um potenzielle Trigger – Zucker, Alkohol oder hochverarbeitete Lebensmittel – mache ich seit Jahren einen weiten Bogen, allerdings lebe ich heute bewusster, achtsamer und disziplinierter. Ab und an kann ich meinem Migränegehirn sogar etwas Positives abgewinnen, also weiter aushalten, weiter mitmachen und weiter durchhalten. – 09 –
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